Als ich von der Microsoft-Aktion mit dem 50€-Windows 7 hörte musste ich einfach zuschlagen – wenn auch bei Amazon.co.uk. Warum brauche ich Windows 7? Ich brauche es nicht, wirklich nicht. Ich kann 100% meiner Tätigkeiten unter Linux perfekt erledigen (auch, wenn ich Videoschnitt aus Gründen der Kompatibilität mit Kollegen unter OSX mache). Dennoch dachte ich mir „die 55€ (so viel kostete die UK-Version im Endeffekt mit Versand) sollen hin sein“ und manchmal – beispielsweise beim Telefonsupport, wenn jemand mit Win7 ein Problem hat – ist es ganz nützlich, das Betriebssystem vor einem zu haben.
Genug der Vorrede – Windows 7 ist nun schon eine Woche in der virtuellen Maschine installiert wo es mir prinzipiell recht gut gefällt und ich stelle einen kleinen Vergleich mit dem aktuellsten Ubuntu (meinem Hauptbetriebssystem) an. Man liest ja viele Artikel von Leuten, die Linux-Neueinsteiger sind, ich drehe den Spieß um und schreibe aus der Sicht eines Windows-Neueinsteigers (Win 7 ist ja in vielen Punkten anders als XP, mit Vista hatte ich nie viel zu tun). Wichtig ist auch, dass ich NUR die Bereiche bewerte, die für MICH wichtig sind und die ich auch benutze. Wenn ich in fast alölen Punkten kritisch bin, dann soll das nicht als Schlechtmache gewertet sondern eben aus meiner persönlichen Nutzersituation heraus gesehen werden.
1.) Preis/Versionen:
Ubuntu hat hier die Nase eindeutig vorne: Es ist kostenlos, frei und in einer Version verfügbar. Es gibt mehrere Varianten (wie Kubuntu, Xubuntu), aber die lassen sich auch über das Internet nachinstallieren. Windows 7 kostet jede Menge Geld – von 70€ für die billigste OEM-Home Premium-Version bis hin zu 300€ für die Ultimate-Edition. Das ist eine Menge Geld dafür, dass man im Prinzip nur ein nacktes Betriebssystem (abgesehen von ein paar Zusatzprogrammen) erhält. Zusätzlich sind die Upgrade-Pfade sehr verschlungen und kompliziert – ich kann etwa kein Vista Home auf Win 7 Professional upgraden…
Fazit: 1 Punkt für Ubuntu
2.) Installation:
Beide Systeme sind wunderbar schnell und einfach installiert. Beide lassen sich nur von der Vorgängerversion sauber upgraden – Punktegleichstand. Linux hat aber einen entscheidenden Pluspunkt: Ich kann bei Ubuntu und anderen Distros von der CD starten und mir ansehen, wie sich das System mit dem Rechner verträgt. Dies als eingeschränkte Funktion wäre auch für Windows 7 sehr schön. Nach der Installation eine Überraschung: Während ich bei Ubuntu jede unterstützte Sprache installieren kann, unterstützt Windows 7 Sprachpakete NUR in der teuersten Ultimate-Fassung. Was für ein Schwachsinn. Gut, diese Gängelung lässt sich mit Tricks umgehen, aber dennoch eine Frechheit – wie ich finde.
Fazit: 1 Punkt für Ubuntu
3.) Ressourcenverbrauch:
Ubuntu 9.10 belegt auf der Festplatte nach der Installation um die 3GB, Windows 7 verschlingt dagegen um die 5GB (exklusive Swap und Co). Ist nicht viel Unterschied, möchte man meinen. Weit gefehlt, denn während Windows nackt 2GB mehr braucht als Ubuntu inkludiert letzteres bei dieser Größe (fast) alle Treiber für unterstützte Geräte, eine komplette Bürosuite, Grafiksoftware, Internetprogramme und vieles, vieles mehr. Beim benutzen Arbeitsspeicher setzt sich das Bild fort: Während mein Koala fertig konfiguriert und mit vielen installierten und teils im Hintergrund laufenden Programmen nach dem Start etwa 512MB RAM braucht (tendenziell weniger), braucht Windows 7 nach der Installation mehr als 512 MB – als nacktes System, wohlgemerkt. Dies mag für viele Systeme egal sein, bei Netbooks und älteren Maschinen können diese Daten aber zwischen Benutzbarkeit bzw. Unbenutzbarkeit entscheiden.
Fazit: 1 Punkt für Ubuntu
4.) Optik und Oberfläche:
Ich gebe es zu, Windows 7 sieht gut aus, die Oberfläche wirkt durchdacht. Aber auch nur solange ich keine Sonderwünsche jenseits der Themenpacks und 3rd-party-hacks habe. Unter Ubuntu bin ich dagegen frei. Nehme ich Gnome, KDE oder einen anderen Fenstermanager? Welche Skins, welche Iconpacks, welche CompizFusion-Effekte verwende ich? Will ich Panele oder ein Dock wie bei Mac OSX? Alles ist möglich, alles ist einstellbar – wenngleich es auch mit etwas Wissen verbunden ist.
Fazit: Gleichstand, da bei Ubuntu etwas Fachwissen nötig ist, um die Oberfläche grundlegend zu modifizieren
5.) Software und Treiber:
Unter Linux stecke ich ein Gerät an und es funktioniert. Gut, ich muss auf Kompatibilität achten, aber das ist bei Windows 7 nicht grundlegend anders – es gibt genügend Geräte da draußen, für die sich keine Treiber (manchmal nur für 32 und nicht für 64 bit) finden lassen. Druckerinstallation unter Ubuntu? Anstecken, 3 Sekunden warten, eine Mitteilung ploppt auf, dass der Drucker druckbereit ist. Scannen? Scanner anstecken, vorinstalliertes Programm starten, scannen, fertig. So einfach ist es. Windows 7 hat die Treiberinstallation leichter gemacht, die meisten werden automatisch aus dem Internet nachinstalliert. Bei meinem UMTS-Stick und meinem DVB-T Empfänger war dies nicht der Fall, dort war manuelle Treibersuche und -Installation angesagt. Frust inklusive, weil das Modemtool meines Mobilfunkanbieters unter Win7 den Dienst verweigerte. Wenn ich unter Ubuntu Software suche, öffne ich die Paketverwaltung und installiere, was mir gefällt. Es ist mir durchaus klar, dass die Auswahl an (proprietärer) Software unter Windows weitaus höher ist, bis jetzt habe ich unter Ubuntu aber noch für jede Aufgabe die passende freie Software gefunden, was dieses Argument für mich irrelevant macht. Unter Windows 7 heißt es dagegen wieder: CDs und DVDs jonglieren und endlos lange Installationsorgien aufgeblähter Softwareprogramme hinnehmen. Ich werde nie verstehen, warum manche Software unter Windows den 10-fachen (und mehr) Speicherplatz eines sogar höherwertigen Linux-Programmes belegt…
Einen kleinen Wermutstropfen gibt es unter Ubuntu: Es werden keine neuen Major-Versionen von Programmen als Update herausgegeben. Erscheint eine neue Programmversion (etwa wie es bei OpenOffice 3 der Fall war) ist manuelles installieren angesagt, was unter Linux zuweilen etwas komplizierter ist als unter Windows. Der Punkt zählt für mich als Poweruser allerdings nicht und außerdem kann man als Normaluser ja alle halben Jahre kostenlos auf die neueste Ubuntu-Version upgraden, welche die neuen Programmversionen mitbringt.
Fazit: 1/2 Punkt für Ubuntu
6.) Updates:
Windows Update war schon immer eine komfortable Sache – man bekam die Updates installiert und gleich noch unerwünschte Software ohne Zutun des Users untergeschoben. Zudem musste ich früher unter Windows stets auf der Hut sein, wenn für irgendwelche Programme Sicherheitsupdates herauskamen – die hieß es manuell herunterzuladen und zu installieren. Unter Ubuntu brauche ich mich darum nicht zu kümmern – die Paketverwaltung hält mein System und meine Software stets auf dem aktuellsten Sicherheitsstand (selbst übersetzte Software ausgenommen, aber das ist ohnehin klar).
Fazit: 1 Punkt für Ubuntu
7.) Wartung/Fernwartung:
Der größte Pluspunkt von Linux ist der Kernel auf den alles aufgesetzt wird. Funktioniert die grafische Oberfläce nicht, kann ich immer noch in die Shell booten und das System von dort aus wiederherstellen. Das geht unter Windows nicht, denn die Konsole dort ist – aus Powerusersicht - lachhaft. Fernwartung unter Windows? Funktioniert mit anderen Windows-Rechnern gut. Unter Ubuntu habe ich aber eine nach dem offenen VNC-Standard operierende Fernwartung, die unter allen Betriebssystemen geht. Noch viel wichtiger ist für mich aber SSH – der Remote-Login in die Konsole und sichere Remote-Dateitransfer, auch vom Handy aus(!). Solange dies unter Windows nicht überall und nach offenen Standards funktioniert (bitte korrigiert mich jemand, sollte es ein Äquivalent unter Windows geben) kann ich Windows nicht als Primärsystem nutzen. Wie machen die Windows-Admins das nur?
Fazit: 1 Punkt für Ubuntu
Fazit:
Dies waren meine wichtigsten Vergleichspunkte. Zugegeben, nach diesen Punkten gesehen sieht Windows 7 ziemlich schlecht aus, was an meinen spezifischen Anforderungen an ein Betriebssystem liegt – und auch an Erwartungen, die nach zwei Jahren als Linux-Nutzer entstehen. Generell muss ich sagen, dass Windows 7 ein sehr guter Wurf geworden ist, es ist flink, stabil und benutzerfreundlich. Technisch gesehen ist es Linux stellenweise in grundlegenden Funktionen aber unterlegen und die Preis- und Produktpolitik von Microsoft stößt mir ohnehin sauer auf. Ich gebe auch zu, dass Linux nicht für alle Personen (beispielsweise PC-Spieler) perfekt ist und durchaus seine Schwachstellen und Unzulänglichkeiten im Userspace-Bereich hat. Mir ist es aber wichtig, dass der Einzelne die WAHL hat, welches System er nach seinen persönlichen Anforderungen einsetzt – egal, ob er sich für Linux, MacOSX, BSD oder das Redmonder System entscheidet. Wenn ich mir die PC-Reihen in den Märkten aber so ansehe, dann bemerke ich, dass der 08/15-User diese Wahl eben nicht hat und das stimmt mich ärgerlich.